Das Thema Wasser und seine künstlerische Interpretation beschäftigen und begleiten mich seit 11 Jahren. Das Fliessen und Fliessen lassen, das stetige in Bewegung sein ist für meine Arbeit von zentraler Bedeutung. Wenn Wasser nicht mehr fliesst, wird es brackig. So ist es auch im Leben: Wo Dinge oder Prozesse stehen bleiben, ist keine Entwicklung mehr möglich, stirbt etwas ab - geht innerer Reichtum verloren.

Wenn Wasser in oder über die Bilder fliesst, gewährt es Einblicke in darunter liegende Schichten, die ansatzweise in zarter oder in kraftvoller Aussage bereits bestehen. Das Wasser verändert so das Vorhandene. Es entstehen neue unerwartete Momentaufnahmen, Ahnungen von Darunterliegendem, versteckte unentdeckte Innenräume.

Das Gold zeigte sich in meinen Arbeiten erstmals während eines Studienjahres 2006/07 an der Schule für Gestaltung in St.Gallen. Inmitten verhangener und dunkler Elemente brach es unerwartet und mit festlichem Glanz die Stille. Die verströmende Lebenskraft öffnet und inspiriert und lässt eine aussergewöhnliche Energie dahinter erahnen.

Meine Werke entstehen meist auf weissem oder farbigen Malgründen auf Stoff, die anfangs mit grossen Pinselbewegungen bearbeitet werden. Viele dünne Schichten aus selbst hergestellten Pigmentfarben laufen mit dem kraftvollen Rhytmus
breiter Pinselstriche wie Wogen über die Stoffbahnen. Feinere Strukturierungen auf der Bildfläche zeigen sich erst in den nachfolgenden Arbeitsschritten.
Die Aussage eines Bildes und sein Endformat ergeben sich durch die kompositorisch differenzierte Wahl des Ausschnittes aus dem gemalten Format.

Die systematischen Überlagerungen von Schichten bis hin zu einer aussagekräftigen Dichte brauchen intensive Präsenz. Das Ergebnis sind Farb gewordene Betrachtungen von fliessenden Wegen, sind Nachklänge an Freudenflüsse, ist die Unermesslichkeit der Goldfarbe als Goldgrund des Menschseins. Grösste Herausforderung im Entstehungsprozess ist das Abwarten des Trocknens nach jeder weiteren Schicht. Sozusagen die Atempausen, die teilweise sehr lange, manchmal still und leer sind. Diese künstlerischen Zwischenräume beanspruchen Geduld und innere Beweglichkeit für die Wahrnehmung des eigenen Bewusstseinsprozesses.

Sich einlassen auf meine Werke und das Spiel mit dem Gold fordert von den Betrachtenden Offenheit, Zeit und Geduld. Die eigene Bewegung, der bewusste Standortwechsel oder wechselnde Lichtverhältnisse im Raum verändern unweigerlich auch Aussage und Wirkung der Bilder. Von der einen Seite betrachtet ist das Gold als intensiver Farbton wahrnehmbar. Von der entgegen gesetzten Seite wirft es in reflektierendem Schimmer das Licht des Raumes zurück und präsentiert ein Geflecht von strahlenden Wegen - Wege des Lebens und des Lichts.

Ruth Zwiener

Meine Bilder sind Augenblicke im Da-Sein